Homosexualität und Kirche
Interview mit einem schwulen Christen
Kann man also schwul und christlich-katholisch sein, von beidem überzeugt und mit diesem "Gegensatz" klar kommen? Um das zu klären, haben wir Norbert ein paar Fragen gestellt. Er ist 32 Jahre alt, schwul, katholisch, überzeugter Christ und engagiert bei der
ökumenischen Gruppe Homosexuelle und Kirche e.V. (kurz HuK).
Auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es viele Gegenstimmen, was Homosexualität anbelangt. Wessen Aussagen sind denn nun für Gläubige die maßgebenden? Die des Katechismus?
Der Katechismus soll für die Gläubigen eine Hilfe sein, den christlichen Glauben, wie er in der Bibel grundgelegt ist, im konkreten Leben zu realisieren. Daran kann man schon sehen, dass er keine höhere Autorität und Verbindlichkeit als die Bibel hat. Die Bibel ist die Grundlage des Glaubens und der Katechismus ist eine Auslegung davon, nämlich die von den Theologen, die im Vatikan hohe Ämter haben und sich um die kirchliche Lehre kümmern.. Da die meisten dieser Theologen ihre Arbeit sehr genau nehmen und auch nicht schlecht sind in ihrem Bereich und oft eine große Weitsicht haben, sollte man ihre Aussagen zunächst mal schon ernst nehmen und bedenken. Aber dann sollte man auch, gerade, wenn es um ein für uns persönlich so wichtiges Thema wie die Homosexualität geht, schauen, wie andere Theologen die für diese Frage (scheinbar) wichtigen Bibelstellen auslegen. Das hast du ja auch gemacht. Und dann merkt man, dass die Bibel, vom Großteil heutiger Bibelforscher betrachtet, eigentlich gar keine Aussagen macht über das konstitutive Schwul- und Lesbisch-Sein, also das, das einfach immer schon da ist und irgendwann entdeckt wird. In der Bibel geht es immer nur um homosexuelle Handlungen, die von außen von Menschen beschrieben wurden, die nicht davon ausgingen, dass es auch eine grundlegende homosexuelle Orientierung gibt. Wenn man den Kontext der Bibelstellen anschaut und vielleicht einen theologischen Kommentar dazu liest, dann kann man das auch als Laie nachvollziehen. Und das, was man dann so selber in der Bibel gelesen hat, das ist, denke ich, maßgebend für den eigenen Glauben.
Dann gibt es eine Meinung des Papstes zu verschiedenen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Phänomenen und Ereignissen. Das ist allerdings seine Meinung, die nicht für die ganze Kirche verbindlich ist. Natürlich besitzt er eine große Erfahrung und ist in das höchste Amt in der katholischen Kirche gewählt worden, weshalb jedes Kirchenmitglied und auch jeder Christ über seine Meinung sicher mal nachdenken darf. Das heißt nicht, dass man gleich der gleichen Meinung sein muss nach dem Motto: "Ein Gehirn wäscht das andere.".
Bei den "Erwägungen" handelt es sich nun um ein weltweites Schreiben der Glaubenskongregation, die zum Lehramt der Kirche, also den Theologen, die die Lehre der Kirche immer auf dem neuesten Stand halten und verkünden, gehört. Manche sind dieselben wie die, die den Katechismus geschrieben haben. Eigentlich sollte dieses Lehramt den Glauben, der von der Gesamtheit der Christen geglaubt wird, verkünden. Aber leider fehlt ihm wohl ein bisschen der Kontakt zu den Gläubigen und den anderen Theologen. Deshalb ist ein Dokument wie das aktuelle so umstritten, auch innerhalb der Kirche. Wenn das "Lehramt" also etwas verkündet, hat das größere Bedeutung, als wenn eine einzelne Person seine Meinung sagt, aber für die Entscheidung des einzelnen Glaubenden ist dessen ehrliches Gewissen in jedem Fall die letzte Instanz, was die Kirche im übrigen immer selber verkündet hat.
Wieso ist "die Kirche" nicht dazu bereit, sich, was Homosexualität
anbelangt, auf einen anderen Standpunkt einzulassen, ihre igene Haltung einmal zu hinterfragen? Wo sie doch auch andere nweisungen und Moralvorstellungen aus der Bibel (zum Beispiel, dass Frauen dem Mann untergeordnet sind und während des Gottesdienstes Kopftücher zu tragen haben - Kor 11,3-15) außen vorlässt?
Damit ist ein sehr wichtiger Punkt angesprochen: Das ist die Einzigartigkeit, die die Sexualmoral im Gesamt der Moralvorstellungen der Kirche einnimmt. Nur in diesem Bereich hält die Kirche an einem Naturrechtsdenken fest, das sie in allen anderen Bereichen längst fallengelassen hat. Bei diesem Denken leitet man die moralischen Handlungsanweisungen für den Menschen von Gesetzmäßigkeiten ab, die man in der Natur erkennt. In der Natur erkennt man also, dass die Sexualität der Fortpflanzung dient. Und daraus leitet man ab, dass die Sexualität der Fortpflanzung dienen muss. Das ist aber ein klassischer Fehlschluss, denn von natürlichen Abläufen kann man keine konkreten Handlungsanweisungen ableiten. Jeder, der die Natur beobachtet und versucht, Abläufe eins zu eins auf das menschliche Leben zu übertragen, wird das einsehen.
Ein Hinderungsgrund ist, wie ich meine, dass bei den Entscheidungsträgern in vielfacher Hinsicht Angst herrscht. Zunächst sind das ja fast nur zölibatäre Priester, die sich vielleicht nicht gerne mit sexuellen Themen beschäftigen, da sie sich dabei auch mit ihrer eigenen Sexualität intensiver auseinandersetzen müssten, wovor sie womöglich Angst haben. Dann haben diese kirchlichen Verantwortlichen vielleicht auch ein wenig Angst, eine Legitimierung des Praktizierens einer homosexuellen Orientierung würde den schwulen Teil ihrer Priester zu einem Missverstehen ihres Zölibat-Gelübdes in der Weise verleiten, dass diese dann mit ihren Mitbrüdern ungenierter sexuelle Kontakte pflegen würden. Und zuletzt ist es sicher auch eine Angst vor unübersehbaren und übel endenden gesellschaftlichen Entwicklungen durch eine weitere Destabilisierung von sozialen Gemeinschaften, vor allem eben der Ehe, was in dem neuesten Schreiben ja auch deutlich gesagt wurde. Diese Angst übersieht leider, dass durch die rechtliche Legitimierung homosexueller Partnerschaften Homosexualität nicht plötzlich ansteckend wird.

