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In der Rubrik "Comingout" gibt es noch zahlreiche weitere interessante Artikel.

Oliver (17) erzählt:

Kein richtiges Coming-Out

Das Umfeld reagiert sehr unterschiedlich auf Olivers Coming-Out

Meine ersten Gedanken zu Homosexualität hatte ich, als ich mich in der ersten Klasse fragte, ob ich mich in meinen Banknachbarn verlieben könnte (die wohl einzig wirklich prägnante Errinerung, die ich an die erste Grundschule habe). Aber das „verging“.

Als ich mit etwa elf Jahren anfing, mich selbst zu befriedigen, spielten eigentlich unr homoerotische Fantasien eine Rolle und ich machte mir nie so wirklich Gedanken darüber. Mit etwa vierzehn kam dann das Internet mit all seinen netten kleinen Seiten ins Spiel und zu dem Zeitpunkt fragte ich mich, ob ich schwul sei, aber ein Problem damit hatte ich nie. Ich war es einfach. Zwar denke ich weiterhin, dass ich mich in ein Mädchen verlieben könnte, aber letztendlich kann ich mir nur mit einem Mann eine Beziehung vorstellen. Ich war mir also sicher und erkundete meine Sexualität, aber erzählen wollte ich es niemandem.

Das änderte sich, als ich nach Heidelberg zog. Ich wagte ein Experiment und erzählte einer guten Freundin von mir, die aber 70 Kilometer entfernt wohnt, dass ich schwul sei. Sie hatte damit kein Problem, wir machten Witze darüber und dann war das Thema auch gegessen. Es dauerte noch einmal ein gutes Stück länger, bis ich mich in tiefere Wasser wagte und es meiner Schwester ins Gesicht sagte. Ihre Reaktion war verhalten. Ich glaube nicht, dass sie etwas gegen Homosexualität hat, sonst hätte ich es ihr nicht gesagt, aber es schockte sie schon ein wenig, damit konfrontiert zu werden. Außerdem machte sie sich Sorgen um mich.

Dass sie es eben nicht so positiv aufnahm, hat mich lange beschäftigt und ich habe darüber nachgedacht und auch zum ersten Mal realisiert, dass es für andere Menschen schwer sein kann, dass ich anders bin. Nicht weil sie es nicht akzeptieren können, sondern weil es einen Bruch mit der bekannten Welt darstellt. Mittlerweile verstehe ich das aber und mache mir deswegen auch keinen Kopf, das Verhältnis zu meiner Schwester ist ganz normal, das Thema wird selten angesprochen. Ich weiß zwar, dass sie in gewisser Weise damit zu kämpfen hat aber schon allein die Tatsache, dass sie das nicht offen zeigt, macht mir deutlich, dass sie mich wirklich liebt und das genügt mir.

Nach diesem nicht ganz so postiven Erlebnis dauerte es einige Monate, bis ich weiter machte. Es war letztes Weihnachten, als ich per ICQ (eine sehr feige Methode, die ich aber weiterhin anwende, da ich einfach nicht den Mut habe, es jemandem ins Gesicht zu sagen, bei dem ich nicht weiß, ob er mich ablehnt und ob mich das verletzen würde) meinem besten Freund alles erzählte. Seine erste Reaktion war durch und durch negativ, was mich (und bis zur letzten Sekunde hatte ich Zweifel, ob ich das richtige tue) sehr schockierte. Auch hier war es weniger aufgrund seiner Schwulenfeindlichkeit, sondern weil er sich verletzt fühlte, dass ich nicht von vornherein ehrlich zu ihm war. Damit hatte ich ihm unbewusst sehr wehgetan, denn ich war für ihn der einzige Mensch, der ihn nie belügen würde.

Ich würde bei uns nicht von körperlicher Liebe sprechen oder von familiärer, aber es ist eine Form von Liebe, die zwischen uns herscht. Mittlerweile ist zwischen uns aber wieder alles in Ordnung und unsere Freundschafft ist nur noch tiefer geworden. Wir machen viele Witze darüber und lachen und ihm tut seine Reaktion leid.

Dann nach einiger Zeit kam es zum GAU, denn mein Vater hatte durch einen peinlichen Zufall mein größtes Geheimnis herausgefunden. Wir redeten darüber und ich weinte viel, aber letztendlich hat er gesagt, dass er mich liebt, was er so noch nie zu mir gesagt hat. Er meinte er würde mich durch und durch akzeptieren und könnte mich nie ablehnen. Aber auch von ihm weiß ich, dass er Probleme hat damit umzugehen. Nichtsdestotrotz kam es deswegen zwischen uns zum emotionalsten Moment, den wir jemals haben werden - und das ist in gewisser Weise schön, weil ich weiß, dass er immer zu mir halten wird. Meine Mutter weiß es noch nicht. Mittlerweile habe ich es (auch per ICQ) noch vielen Menschen in meinem direkten Umfeld gesagt. Noch dazu weiß schon seit längerer Zeit eine große Anzahl an Menschen, die ich nur über das Internet kenne, von mir. So habe ich übrigens viele Vertrauenspersonen gefunden.

Ich wurde kein einziges Mal direkt abgelehnt (auch von meinem besten Freund letztendlich nicht) und kann etwas fröhlicher durchs Leben wandern, denn die Situation des Versteckens hatte mich sehr belastet, weshalb ich es auch immer mehr Menschen gesagt habe, aber es sind noch lange nicht genug. Deswegen ist es für mich auch noch kein richtiges Coming-Out, weil ich mich trotz derer, die es wissen, noch manchmal verstecke, aber ich habe mir fest vorgenommen, endlich auch den letzten Schritt zu tun. Allerdings warte ich noch auf den perfekten Moment. Doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass dieser Moment wohl nie kommen wird. Irgendwann werde ich beweisen müssen, dass in mir ein richtiger Mann steckt, indem ich einfach einmal meinen Mut zusammenkratze und es laut aus mir herrausbrüllend über meinen eigenen, tückischen Schatten springe...



Bilder: photocase.com
Die hier dargestellten Fotos zeigen nicht den Einsender der Geschichte.