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In der Rubrik "Comingout" gibt es noch zahlreiche weitere interessante Artikel.

Benny (16) erzählt:

Jetzt muss es passieren!

Jeder der mich fragt, ob ich schwul bin, bekommt die Antwort: Ja

Mein Coming-out war Ende des Jahres 2004, um genau zu sein am 31.12.2004. Ich hatte über Silvester meinen damals besten Kumpel eingeladen und wir saßen alleine im Wohnzimmer, da meine Eltern über die Feiertage zu Bekannten gefahren waren. Mein Kumpel, nennen wir ihn mal Stephan, und ich redeten über das typische Thema bei heterosexuellen Jungs in unserem Alter: Mädchen! Es kam die übliche Frage von ihm auf, warum ich denn immer noch keine Freundin hätte. Ich sei doch ein Mädchenschwarm in der Klasse. Ich hätte doch die große Auswahl.

Früher ging ich dieser Frage immer aus dem Weg, indem ich sagte, dass ich keine Zeit für eine Beziehung hätte. Aber an diesem Abend wollte ich ihm endlich sagen, dass ich schwul bin und das gemeinsame Onanieren mit ihm für mich immer mehr als eine freundschaftliche Geste war. Ich antwortete also auf seine Frage: „Du Stephan, ich glaube ich sollte dir langsam die Wahrheit sagen. Ich empfinde für Mädchen leider nichts. Ich bin schwul! Ich hoffe aber das unsere gemeinsamen Aktivitäten bleiben wegen dieser Tatsache jetzt nicht aus.“

Seine Kinnlade klappte runter und man konnte sehen, dass ihn das anwiderte. Er meinte aber: „Ja ist doch kein Problem. Es gibt Schlimmeres, als einen schwulen Kumpel zu haben. Wir bleiben immer Freunde. Das bringt uns nicht auseinander.“ Ich war überglücklich und war einen Moment am Überlegen, ob ich Stephan in den Arm nehmen solle. Dass seine Aussage aber nur eine Lüge war, merkte ich, als er sich immer weiter von mir distanzierte. Ende Januar 2005 hatten wir uns als Freunde aus den Augen verloren. Ich sah ein, dass es wohl doch ein Problem für ihn war.

Nun fing das Problem aber erst richtig an. Ich bekam nach dem Ende der Freundschaft zwischen uns psychische Probleme, da ich Angst hatte, dass Stephan in der Schule vielleicht doch erzählt, dass ich schwul bin, obwohl ich ihn gebeten hatte, es für sich zu behalten. Die psychischen Probleme zeigten sich in Form von Magenkrämpfen, die ich immer häufiger in der Schule bekam. Meine Mutter rannte mit mir von Arzt zu Arzt, aber keiner fand etwas. Am Ende bekam ich Antidepressiva, welche mich beruhigen sollten. Aber die Wirkungen blieben aus.

Das änderte sich aber mit dem freiwilligen Coming-out bei meinen Klassenkameraden und bei meinen Eltern. Diese beiden Coming-outs folgten sehr schnell aufeinander. Anfang Februar 2005 meldete ich mich bei dbna an und fand auch auf Anhieb einen sehr netten Jungen aus meiner Stadt. Nach etwa zwei Wochen war mir klar, dass ich mich in ihn verliebt hatte und das nahm mich sehr mit.

Am 16.2.2005 verließ ich mal wieder überglücklich das Internet-Café in meiner Stadt, auf das ich angewiesen war, weil wir damals noch kein eigenen Internetanschluss hatten. Ich fuhr nach Hause und setzte mich an den Abendbrottisch. Ich musste wohl eine eigenartiges Verhalten gehabt haben, denn meine Mutter sprach mich an, was denn mit mir los sei. Ich erschrak und überlegte, ob ich nun mein Coming-out wagen sollte. Ich kam zu dem Entschluss: Ja! Jetzt muss es passieren!

Meine Großeltern saßen mit uns am Tisch, also wäre das Coming-out so gleich umfangreich gewesen. Ich sagte also: „Ok. Ich muss euch was sagen. Ich bin verliebt. Ich war heute im Internet und habe mich in jemanden verliebt, mit dem ich mich auch schon viermal getroffen habe.“ Meine Mutter sagte: „Ja? Das freut mich. Wir dachten schon, du würdest niemals eine Freundin haben. Wer ist die Glückliche?“

Ich gluckste und meinte: „Es ist ein Junge.“ Stille... Nach einer gefühlten Stunde unterbrach ein Räuspern meines Vaters die Stille. Er sagte: „Benny, es ist mir egal, wen du liebst. Aber ich bitte dich daran, zu denken, dass du dir sehr viel kaputt machen kannst.“ Es folgte ein drei Stunden langes Gespräch über alles Mögliche, was mit Homosexualität zu tun hat. Alles in allem nahm meine Familie diese Tatsache aber sehr gut auf. Selbst meine Großeltern waren keinesfalls entsetzt. Ich war echt sehr überrascht.

Nun folgte in der darauf folgenden Woche das Coming-out in der Schule. Wir sollten in Kunst eine Collage zum Thema: Unser Traumland erstellen. Ich nutzte die Gelegenheit und setzte auf meine Collage alle möglichen Bilder zum Thema Homosexualität: Die Freiheitsstatue trägt die Regenbogenflagge, zwei Jungs liegen in einem Kornfeld und küssen sich, usw... Meine Lehrerin nahm das Bild und meinte: „Bene, mir war irgendwie klar, dass du schwul bist. Dein Verhalten war irgendwie sehr auffällig. Aber schön, dass du dazu stehst.“

Sie fragte mich, ob sie die Collage herumzeigen dürfe und ich willigte ein. So musste ich mich wenigstens nicht vor der ganzen Klasse outen. Die ganze Klassengemeinschaft nahm mein Coming-out gut auf, aber einige erzählten auch ihren Freunden in der Schule, dass ich schwul bin. Ich bin keinesfalls böse auf die, denn sie haben mir die Arbeit ja erspart.

Jetzt bin ich in der ganzen Schule geoutet, stolz drauf und jeder der mich fragt, ob ich schwul bin, bekommt die Antwort: Ja, und stolz bin ich auch drauf.


Quelle:
Bildmaterial: © izusek / istockphoto.com
Die hier dargestellten Fotos zeigen nicht den Einsender der Geschichte.