Matthias Mundel

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Shalom !

Zu Gast bei einer Jugendgruppe in Israel

Puh... Was für ein Gefühl! Der erste Besuch einer lesBiSchwulen Gruppe für Jugendliche hat immer etwas besonders Aufregendes. Für mich bedeutet der heutige Abend aber eine Premiere der anderen Art. Gemeinsam mit einem Brieffreund nutze ich meinen Israelurlaub zum Besuch seiner Jugendgruppe. Voller Neugier machen wir uns auf den Weg in das Jugendzentrum vor den Toren von Hertzlija, einer Stadt nördlich von Tel Aviv.

Schon am frühen Abend ist die Sonne untergegangen, trotzdem ist die Luft angenehm warm und trocken. Am Treffpunkt, einer Art Turm in dem nagelneuen Gebäude des 8 star youth center, trudeln nach und nach die ersten Besucher ein. Als neuer Gast falle ich da natürlich sofort ins Auge.

Schließlich treffen die beiden Leiter der Gruppe ein. Selbstverständlich bin ich nicht aus heiterem Himmel aufgetaucht, nach vorheriger Vereinbarung wurde heute Englisch als offizielle Sprache festgelegt (was mir mangels Hebräischkenntnissen die Arbeit natürlich sehr erleichtert).

Ein paar Kerzen werfen ruhiges Licht an die Wand, ein wenig Musik sorgt für Stimmung. Mika singt Relax, take it easy und unterstreicht die gemütliche Atmosphäre. Die letzten Leute kommen herein. Ein Sitzkreis bildet sich und die Runde ist eröffnet.

Eine gut organisierte Gruppe lebt von ihren Ritualen, und so beginnt auch das heutige Treffen mit dem gewohnten Prozedere: Jeder stellt sich mit Namen vor, erzählt etwas zu seiner Stimmung und auch etwas von der vergangenen Woche. Diese Vorgehensweise ist gerade für Teilnehmer, die sich erst am Anfang des Coming-Out-Prozesses befinden, sehr hilfreich. Sie bietet in dieser Zeit die Möglichkeit, Alltagsprobleme umgehend der Gruppe mitzuteilen.

Der Dachverband der Jugendgruppen, Israeli Gay Youth, schlüsselt seine Jugendgruppen in zwei Altersgruppen auf. So gibt es Gruppen für Jugendliche von 15 bis 18 und von 18 bis 23 Jahren. Bedingt durch die lange Zeit bei der Armee und dem Reifungsprozess dort macht diese Unterscheidung sicherlich Sinn.

In Hertzlija stoßen regelmäßig neue Besucher zur Gruppe; sie ist eine der jüngeren Kategorie. Heute bin ich ja das erste Mal zu Gast, und auf einem großen Din-A3-Blatt fasst einer der beiden Gruppenleiter alle wichtigen Verhaltensregeln noch einmal zusammen. Punkte wie „Andere ausreden lassen“ erinnern mich latent an meine Grundschulzeit zurück – aber für das menschliche Zusammensein sind sie freilich unumgänglich.

Eine erste kleine Pause wird angesetzt. Ich nutze die Chance und plaudere ein wenig mit den Anwesenden. Deren Probleme, etwa das sich-offenbaren gegenüber den eigenen Eltern oder der drohende Rausschmiss aus deren Wohnung, sind sowohl in Israel als auch in Deutschland immer noch für manche Jugendliche bittere Realität.

Weiter geht es mit einem gemeinsamen Spiel. Jeder füllt einen Zettel über sich, seine Persönlichkeit und die eigenen Träume aus. Anschließend wandern diese umher, unter Anleitung der Leiter wird nun Stück für Stück ein Körperteil zu der Person hinzugemalt, die sich angeblich hinter den schriftlichen Angaben verbirgt. Auch ich erhalte am Schluss meinen ursprünglichen Aufschrieb zurück. Meiner Skizze hat jemand ein Kondom in die linke Hand gemalt ... Wie aufmerksam!

Das Spiel fordert in jedem Fall hohe Ehrlichkeit zu sich selbst heraus und natürlich bleibt die Idendität hinter diesen Sätzen nicht im Geheimen. Aber ist nicht genau das die wichtigste Maxime, um letztendlich selbstsicher zu sich zu stehen?

Beeindruckt verabschiede ich mich und setze mich mit meinem Brieffreund zum Tagesausklang in ein Café. Kurz nach Mitternacht fahre ich mit dem Zug zurück zum Hotel in Tel Aviv.



Quelle:
Bildmaterial: © photocase.com, privat

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