Was ist ein Coming-out?
Ein Coming-out ist mehr als zu sagen, dass man schwul ist
"Ich bin schwul... und das ist auch gut so." Ein kurzer Satz - und als Klaus Wowereit ihn im Jahr 2001 auf einem SPD-Parteitag sprach, mit einer winzigen Pause inmitten seines Bekenntnisses, setzte er sich selbst ein Denkmal. Nie zuvor hatte ein Spitzenpolitiker in Deutschland gewagt, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Die Journaille überschlug sich und das "Coming-out" von Wowereit war in aller Munde, ist es zum Teil noch heute.Spätestens seit jenem Tage glaubt jeder zu wissen, was ein "Coming-out" ist. Eben das öffentliche Bekenntnis, homosexuell zu sein. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn ein Coming-out ist weitaus mehr als das.
Der Schrank und du
Coming-out ist Englisch und heißt übersetzt so viel wie "herauskommen". Um diesen Begriff zu verstehen, muss man sich die Wortbedeutung anschauen. Denn im Englischen sagt man auch "to come out of the closet", also "aus dem Schrank herauskommen." Eine scheinbar krumme Metapher, die erklärt werden muss. Was ist der Schrank und wieso soll man dort herauskommen?
Der Schrank bist du selbst, er ist dein Leben. Eigentlich fühlst du dich ganz wohl im Schrank, aber mit Einsetzen der Pubertät fängst du an, dich für andere Jungs zu interessieren. Langsam erwächst in dir der Verdacht, dass du schwul sein könntest. Und aus dem Verdacht wird eine leichte Panik. Du hast das Gefühl, dass du anders bist als die Menschen in deiner Umgebung, denn Schwule kennt man allenfalls aus dem Fernseher.
Trotzdem merkst du, dass diese Gefühle da sind und du sie nicht wegdiskutieren kannst. Also fängst du automatisch an, dich mit deinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund bist du beispielsweise auch hier bei dbna gelandet. Du kannst dich erst nach und nach mit deinen Gefühlen identifizieren. Langsam fängst du an, dich mit deinen Gefühlen zu identifizieren. Wenig später wirst du sie akzeptieren. Wenn du erstmal deine Gefühle akzeptiert hast, dann kannst du auch dich selbst akzeptieren.
Ein Coming-out ist nicht leicht, es dauert und zehrt an deinen Kräften. Alleine schon der Gedanke, dass du "anders" sein könntest als deine Freunde, ist anstrengend. Aber nicht nur der. Wenn die Pubertät einsetzt, hat man schon genaue Vorstellungen von sich selbst. Vielleicht willst du später einmal heiraten, ein Kind haben und gemeinsam mit deiner Familie in einem schönen Haus mit Garten wohnen? In dem Moment, in dem du merkst, dass du schwul bist, musst du mit diesem Selbstbild brechen. Mehr noch: Du fängst an, es in Frage zu stellen.Häufig setzt an dieser Stelle eine Verdrängung ein. Denn man möchte nicht schwul sein, wenn man dafür seine ganzen Zukunftspläne über den Haufen werfen muss. Auch neue Bedürfnisse und Sehnsüchte anzuerkennen ist nicht leicht, darüber hinaus müssen sie in dein Leben integriert und als ein Teil von dir akzeptiert werden.
Und dann gibt es noch so viele Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben. Die hast du schon in deiner Kindheit unbemerkt verinnerlicht. Du musst erkennen, dass diese Vorurteile Quatsch sind, dass schwule Männer genauso Mann sind wie heterosexuelle und dass sie keine Frauenkleider tragen, nur weil sie schwul sind. Jedes einzelne Vorurteil musst du als solches erkennen und abbauen - und davon gibt es eine ganze Menge. Darüber hinaus musst du damit fertig werden, dass man dir nicht unbedingt zujubeln wird, wenn du dir selbst und anderen deine Sexualität eingestehst. Du musst lernen, darüber zu stehen.
Das äußere Coming-out
Du siehst also: Bevor man es wie Klaus Wowereit öffentlich macht, dass man schwul ist, findet ein langer innerer Prozess statt. Du wagst den Schritt aus dem Schrank hinaus, du akzeptierst also deine Sexualität und beginnst damit, sie auszuleben. Diesen Schritt nennt man auch "inneres Coming-out".
Wenn es ein inneres Coming-out gibt, dann muss es auch ein äußeres geben? Richtig, und an dieser Stelle kommt Klaus Wowereit wieder ins Spiel. Denn wenn man sich selbst eingestanden hat, dass man schwul ist und damit keine Probleme mehr hat, dann baut sich ein großer Druck in dir auf. Du willst es auch anderen Menschen mitteilen. Deinen Eltern, deinen besten Freunden oder anderen Personen, die dir wichtig sind. Das nennt man dann "äußeres Coming-out".Die Personen in deinem Umfeld werden kaum jubeln, wenn du ihnen von deiner Homosexualität erzählst. Schließlich haben sie die gleichen Ängste und Vorurteile, die du auch zu Beginn deines Coming-out hattest und genau so wie bei dir braucht es auch bei ihnen Zeit, bis sie diese überwunden haben.
Das Coming-out als Chance
Wenn man sich die Schwierigkeiten eines Coming-out vor Augen hält, könnte man leicht verführt werden, es sein zu lassen. Aber das geht nicht, denn deine Sexualität kannst du nicht verleugnen - sie wird sich immer wieder bemerkbar machen. Sie ein Leben lang zu verdrängen, ist anstrengender als ein Coming-out je sein wird. Außerdem solltest du das Coming-out als Chance sehen. Denn nur so schaffst du dir eine Lebenssituation, in der du dich wohlfühlen kannst und in der du ganz wesentliche Dinge für dein späteres Leben lernst. Dich selbst zu spüren und eine innere Wahrnehmung entwickeln, aber auch dich gegenüber der Umwelt zu sensibilisieren, um nur ein paar Beispiele zu nennen.


