Homosexualität im Kaiserreich
Wir haben uns ein wenig mit der Homosexualität zu dieser Zeit beschäftigt.
Spießigkeit, Konservatismus, Strebsamkeit: All das sind mögliche Begriffe, die einem in den Kopf schießen, wenn man an das deutsche Kaiserreich um 1900 denkt. Wie es wohl wäre, wenn wir damals statt heute gelebt hätten? Coming-Out, schwule Szene – wie hat all das damals wohl ausgesehen? Wir haben uns ein wenig mit der Homosexualität in Deutschland zu dieser Zeit beschäftigt.Die Wurzel allen Übels: der Paragraph 175
Gleichgeschlechtliche Liebe war vor und zu Beginn des Kaiserreichs nicht viel mehr als ein Fragezeichen. Niemand wusste so recht, was er sich konkret darunter vorstellen sollte. Eine Krankheit? Eine Sinnesstörung? Oder doch nur schlichtweg eine „falsche Wahl“? Die Forscher begannen damit, sich intensiver mit dem Feld zu beschäftigen. Am meisten Aufmerksamkeit erregte bei seinen Forschungen Karl Heinrich Ulrichs, der über viele Jahre hinweg Schriften dazu anfertigte und Theorien aufstellte.
Er definierte Homosexualität als „weibliche Seele
im männlichen Körper.“ Ulrichs, der übrigens selbst schwul war und als
einer der Vorreiter der schwulen Bewegung gilt, ging von einer
natürlichen und nicht krankhaften Veranlagung aus und forderte die
Straflosigkeit für gleichgeschlechtliche Liebe.Leider vergebens, denn 1871 geschah dann schließlich das, was die nächsten rund hundert Jahre für jede Menge Verhaftungen und Hinrichtungen verantwortlich sein sollte: Der berüchtigte § 175, bislang nur Bestandteil des preußischen Strafgesetzbuches, wurde im ganzen Reich gültig. Nach § 175 war derjenige Mann zu bestrafen, der beschleifähnliche Handlungen mit einem anderen Mann vornimmt. Die Gesetzesgrundlage war damit also geschaffen - die Hetzjagd konnte beginnen. Lesben blieben vom „175er“ unberührt.
Von Päderasten und Strichern: schwuler Sex
Schwule wurden im Kaiserreich meist als „Päderasten“ bezeichnet. Im eigentlichen Sinne bedeutet Päderastie die Liebe oder sexuelle Anziehung von erwachsenen Männern zu Jungs im Alter von 12 bis 18. Damals ging man davon aus, dass schwuler Sex oft zwischen älteren schwulen Männern und heterosexuellen jungen Strichern vonstatten ging. Oder aber, dass minderjährige Jungen durch Sex mit schwulen Männern in ihrer sexuellen Orientierung beeinflusst wurden. Diese galt es daher vor den „Päderasten“ zu beschützen.
Tatsächlich stimmt dabei, dass sehr viele Stricher minderjährig und heterosexuell waren. Und in der Natur der Sache lag es ebenso, dass Prostitution in Schwulenkreisen zu dieser Zeit nicht unbedingt ungewöhnlich war. Immerhin stand schwuler Sex unter Bestrafung,
weshalb
es teilweise nicht gerade einfach war, seine sexuellen Bedürfnisse zu
befriedigen. Hatte man also Geld, ging man oft den einfacheren und
direkteren Weg und beschaffte sich seinen Sex eben anderweitig.Beliebte Cruising-Treffpunkte waren Bahnhöfe, Parkanlagen, die direkte Umgebung von Kasernen, öffentliche Toiletten oder die damals gut besuchten Bäder. Um 1900 wurden dann die ersten reinen Schwulenlokale in Berlin Kreuzberg eröffnet. Hier war es nun auch endlich möglich, andere schwule Männer in gemütlicher Atmosphäre kennen zu lernen.
Im Auge des Gesetzes: die Homosexuellenlisten
Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der so genannte „Erkennungsdienst“, eine selbstständige Dienststelle, die Informationen und Fotos von kriminell Verdächtigen oder verurteilten Verbrechern sammelte, gegründet wurde, blieben auch die Schwulen nicht unberührt davon. Wer bei den Ermittlern in den Verdacht geriet, schwul zu sein, der wanderte in die Karteisammlung. Die Folgen waren Observierung und oft auch der gesellschaftliche Ruin, wenn Informationen darüber an die Öffentlichkeiten gerieten. Bekannte Homosexuellentreffpunkte in Kneipen oder Strich-Gegenden, Bahnhöfen und öffentlichen Toiletten waren ständig unter Beobachtung. Oft hatte die Polizei Spitzel, die in Schwulenkreisen verkehrten und Informationen sammelten.
Lebensgefährlich: Mord und Selbstmord
Die Selbstmordrate unter Schwulen war hoch. Das lag zum einen an der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz und am enormen Imageverlust, wenn die eigene Homosexualität bekannt wurde.
Zum anderen war aber auch
die Erpressung ein entscheidender Faktor. Viele der Stricher erpressten
ihre Freier nach dem Sex, und auch innerhalb von Beziehungen oder
Affären kam es öfter zu Geldforderungen. Die Erpressten sahen oft
keinen anderen Ausweg, als sich selbst das Leben zu nehmen oder aber
das Problem an der Wurzel zu packen und den Erpresser aus dem Weg zu
räumen. Innerhalb von Schwulenkreisen kam es daher zu auffällig vielen
Todesfällen, was ein Grund dafür war, weshalb die Polizei so streng
über die Geschehnisse wachte.Gemeinschaft: die Schwulen organisieren sich
Trotz der drohenden Gefahren begannen die Schwulen langsam damit, sich zu organisieren. 1896 erschien mit „Der Eigene“ die erste Zeitschrift, die besonders an Schwule gerichtet war und schon bald offen die schwule Liebe propagierte. Inhalt waren unter anderem Gedichte und harmlose Bilder – die Gesellschaft sollte um jeden Preis ein positives Bild vermittelt bekommen. Man versuchte damals, die Öffentlichkeit mit den Zeitschriften zu beeinflussen und aufzuklären. Oft wurden Exemplare an Politiker oder andere hohe Tiere geschickt, um sie als Fürsprecher für sich zu gewinnen.
Der „Globetrotter“ war im Kaiserreich sozusagen der „Schwulenguide“ schlechthin. Als Roman getarnt, bot er einen ausführlichen Gang durch die Schwulenszene mehrerer Städte.
1897 wurde schließlich die weltweit erste Schwulenorganisation vom
Sexualforscher Magnus Hirschfeld gegründet: das
„wissenschaftlich-humanitäre Komitee“ – WhK. Das WhK hatte die
Unterstützung von einer ganzen Reihe Prominenter. Es forderte per
Petition die Abschaffung des § 175 und gab ab 1899 eine
sexualwissenschaftliche Zeitschrift mit dem Titel „Jahrbuch für
sexuelle Zwischenstufen“ heraus.Unterm Strich lässt sich also sagen, dass die Schwulenszene im Kaiserreich noch in ihren Kinderschuhen steckte, aber endlich damit begann, laufen zu lernen. Man organisierte sich, traute sich immer weiter an die Öffentlichkeit und versuchte, den § 175 wieder zu streichen. Trotzdem lebte man nicht ungefährlich und musste bei jedem Schritt aufpassen. So richtig losgehen sollte es mit der schwulen Welt aber erst in der auf das Kaiserreich folgenden Weimarer Republik, wo die Homosexuellenszene endlich richtig aufblühte.


