Unbegrenzte Möglichkeiten?
Das schwule Leben im Land der Unterschiede
Unter dem "American Way of Life" versteht heute ein Großteil der
Bevölkerung die angeblich typisch amerikanischen Grundzüge: die
Verschwendung, die Ausbeutung der Natur und den unbändigen Willen, die
eigene Kultur auf den ganzen Planeten auszuweiten. Allerdings ist das
nur eine moderne Auffassung davon. Die ursprüngliche Idee hinter dem amerikanischen Lebensweg ist die Würdigung des Lebens, die Freiheit und das ständige Streben nach Glück. Drei Begriffe, die nicht nur elementar für eine Gesellschaft sind, sondern auch das Ziel aller Schwulen weltweit.Auch wenn Amerika für diesen Grundsatz steht, ist es offensichtlich kein Paradies für Schwule. Es ist das altbekannte Phänomen der teilweise scheinheiligen Moral der gesellschaftlichen Gleichbehandlung. "Jedem das Gleiche", aber nur innerhalb der Gruppe. Die drei Grundsätze werden innerhalb der amerikanischen Bevölkerung oft ungleich gewichtet, wenn es darum geht eigene Interessen durchzusetzen. Es gilt als Freiheit, eine Waffe jederzeit schussbereit mit sich zu führen, da man sein Leben verteidigen möchte.
Andererseits hat ein Homosexueller in der Nachbarschaft oft nicht die Freiheit, sich öffentlich als solcher zu zeigen, weil es gegen die moralische Prinzipien mancher Menschen verstoßen kann. Angesichts dessen, dass Amerika eine Bundesrepublik ist, lässt sich jedoch keine präzise Antwort, auf die Frage nach dem Ansehen Homosexueller in Amerika geben. Ein sehr wichtiger Indikator hierfür war ein vor einiger Zeit in den amerikanischen Kinos gezeigter Film.
Brokeback Mountain
Brokeback Mountain, ein Film, der von einer Liebesbeziehung zwischen zwei Cowboys handelt, lief am 09.03.2006 in den amerikanischen Kinos an. Angesichts der verbreiteten Religiösität, der teilweise sehr ausgeprägten Prüderie und Homophobie in Amerika erachteten es europäische Kritiker als naheliegend, dass dieser Film eine Welle der Empörung auslösen würde. Man malte sich eine Spanne von Möglichkeiten aus, die von Kinobesitzern reicht, die sich weigern den Film auszustrahlen, bis hin zu wütenden Zuschauern. Doch ironischerweise passierte das genaue Gegenteil. Der Film wurde innerhalb von kurzer Zeit zum Hit, wer ihn nicht gesehen hatte, konnte nicht mitreden.
Sogar im Südwesten der USA, welcher als besonders intolerant gilt und der Cowboykult noch heute existiert, waren die Kinosäle voll. Es kam jedoch zu keinen Ausschreitungen oder Protesten. Es entwickelte sich eine grundlegend andere Haltung zu dem Film, die der homosexuelle Autor Dave White in seinem Ratgeber "Straight dude's guide to "Brokeback'" auf der Website des Fernsehsenders MSNBC veröffentlichte: "Seien Sie sich im Klaren, dass Sie die Klappe halten müssen." Dies schrieb er im Gedanken, dass jeder, der sein Empören und seine Verachtung äußert, selbst als jemand angesehen werden würde, der seine eigene Homosexualität zu verdrängen versucht und sich somit selbst als homosexuell abstempelt.
Die Resonanz auf
den Film war, betrachtet man ganz Amerika, sehr positiv. Nicht nur,
dass die Amerikaner begannen, ihre eigene Homophobie zu belächeln, der
Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush, hatte den Film nicht
gesehen und verschlechterte dadurch sein ohnehin schon angeknackstes
Image. Hinwegsehend über alle Prüderie, die im Land herrschte, wurde
dies als weitere Abgrenzung von ihm gegenüber dem Amerikanischen Volk
gewertet. Die amerikanische Promi-Zeitschrift "People" veröffentlichte
sogar einen vierseitigen Bericht über echte schwule Cowboys. Brokeback
Mountain hatte die Nation zwar erschüttert, aber nicht auf negative Art
und Weise.Das Bild eines homophoben Amerika rückt natürlich immer dann näher, wenn man die öffentliche Diffamierung der Schwulen betrachtet. Sei es in Form von "Gay Bashing"-Videos auf Youtube oder Rap-Zeilen der berühmten Hip-Hop-Stars. Auch in den amerikanischen Schulen herrscht ein sehr ruppiges Klima gegenüber Homosexuellen. In der Schule wird in den Vereinigten Staaten den Jugendlichen ein sehr spezielles Bild des Mannes aufgedrängt: sportlich, stark, heterosexuell.
Wer in der Schule als schwul geoutet ist und einmal die Brandmarkung des "Faggot" hat, ist in der Gruppe meist unten durch. Das Bild des Schwulen ist an vielen amerikanischen Schulen noch das typische Klischee-Bild. Er ist schwach, unsportlich, tuntig, bunt, liebt rosa und hat natürlich nichts Besseres zu tun, als Heterosexuelle zu begrabschen und sich an Kindern zu vergehen. Nach wie vor sind viele Menschen der Meinung, Pädophilie sei ein typisch schwules Phänomen.
An dieser Stelle der amerikanischen Gesellschaft wird deutlich, dass es an Aufklärung fehlt. Wenn sich die amerikanische Bevölkerung dazu bereit erklärt, sich nicht nur von vielen unsinnigen religiösen Ansichten belehren zu lassen, wird sich die Gesellschaft auch in ihren Wurzeln zu einer toleranteren entwickeln. Bleibt auf den Tag zu hoffen, an dem auch der Amerikaner sagt: "Es werde Aufklärung."
Im Gegensatz zum Schulalltag hat sich im Berufsleben ein mittlerweile aufgeklärteres Bild entwickelt. 2006 haben immerhin 78 von den 100 größten Unternehmen der USA ihren homosexuellen Mitarbeitern, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, gleiche Sozialleistungen zugesichert wie ihren heterosexuellen Kollegen. Auch wenn sich dieses Bild hin zu den kleineren Unternehmen wieder wandelt, leisten diese 78 Firmen wichtige Pioniersarbeit. Wenn große Firmen in dieser Hinsicht erste Schritte machen und einsehen, dass auch homosexuelle Mitarbeiter vollwertige Arbeitskräfte sind, die die besten Leistungen dann erzielen, wenn sie glücklich sind, wird sich diese Ansicht auch nach und nach in kleineren Firmen durchsetzen.
Im Allgemeinen ist es für
einen schwulen Mitarbeiter immer abhängig von seiner Position, ob er
sich outet oder nicht. In der amerikanischen Hire&Fire-Kultur
(Einstellen & Feuern), in der eine Arbeitsstelle genauso schnell
weg wie ergattert sein kann, ist das für den Einzelnen natürlich immer
gefährlich. Im Gesamten aber ist es wichtig, dass sich der Einzelne
outet, um der Gesellschaft die quasi allgegenwärtige Anwesenheit von
Schwulen deutlich zu machen. Solange die Gesellschaft die Meinung
vertritt, dass Homosexuelle nur im Untergrund existieren, kann sie auch
nicht einsehen, welch ein elementarer Baustein auch Homosexuelle im
gesellschaftlichen Leben sind.


