Wolfsmenschen

Patrick hat nachts Angst vor seinen Mitmenschen

Lieber Christoph,

vorgestern musste ich an meinen Lateinunterricht denken. Der liegt zwar schon Jahre zurück, aber die Erinnerung war glasklar. Ich hatte einen sehr findigen Lateinlehrer, der jede Stunde mit einem lateinischen Sprichwort beginnen ließ. Einerseits sollten wir so das Übersetzen lernen, andererseits ist so etwas immer gut, um anzugeben, meinte er. Er kam also in den Raum, sagte kurz „Hallo“ und ging sofort an die Tafel. In meiner Erinnerung schrieb er die Worte „Homo homini lupus“ und setzte sich dann sehr zufrieden an sein Pult.

Diese drei Worte zu übersetzen ging schnell. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ - ahja! Ich fand das damals zwar recht weise, aber etwas zu abstrakt. Also entschloss ich mich, das Sprichwort schnell wieder zu vergessen und Platz zu schaffen im Kopf.

Ich glaubte schon, es erfolgreich vergessen zu haben, bis ich gestern unfreiwillig wieder darüber stolperte. Ich saß wieder einmal in einer U-Bahn-Station in Köln. Es war spät, zu solch einer Uhrzeit halten sich nur noch wenige Menschen in U-Bahn-Stationen auf. Meine Bahn ließ auf sich warten und so tat ich das, was ich in U-Bahn-Stationen sehr gerne mache: Ich beobachte die Menschen um mich herum. Einige Meter links von mir saß auf der Bank ein Proleten-Pärchen. Er hatte die Kapuze seines Hoodies auf und trug darunter eine Basecap, sie war quasi nackt. Rechts von mir stand ein etwas verwirrt wirkender älterer Herr, der sich selbst von seinem Tag erzählte. Am Bahngleis gegenüber saß eine kleine Gruppe jugendlicher Jungs, die ziemlich laut war.

Ich mag solche Situationen nicht, man kommt sich vor, als wäre man der einzige normale Mensch auf der Welt. Ich weiß nicht, wie es dir dann geht, aber mich beschleicht dann meist ein sehr ungutes Gefühl. Ich fühle mich beobachtet. Mehr noch, ich bin sogar ein wenig ängstlich in solchen Situationen. Wenn ich den Mann, der mit sich selbst redet, komisch anschaue, könnte ihn das vielleicht aggressiv werden lassen? Wenn ich ein bisschen zu lange in Richtung des peinlichen Pärchens schaue, was geht dann im Proleten-Köpfchen unter der Basecap und der Kapuze vor?

Und da schoss es mir wieder in den Kopf: Homo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Muss man Angst haben vor seinen Mitmenschen, weil man nie weiß, wer dein Wolf ist und wer nicht? Eigentlich finde ich diese Angst ziemlich albern, aber gerade nachts erwische ich mich immer wieder dabei, ein bisschen Angst vor meinen Mitmenschen zu haben.

Kaum war dieser Gedanke gedacht, betrat eine weitere Gestalt meinen Bahnsteig. Ein Mann, vielleicht in der Blüte seines Lebens, mit zerfetzten Jeans und einer Sonnenbrille. Noch so einer, der mir nachts schnell Angst einflößt. In seiner rechten Hand trug er eine Flasche Bier, in der linken eine Zigarette. Weiß der denn nicht, dass man in Kölner U-Bahn-Stationen nicht rauchen darf? Am anderen Ende des Bahnsteigs bleibt er kurz stehen und schaut sich um. Mit mir sind jetzt fünf Menschen auf dem Bahngleis. Er mustert alle diese fünf Menschen, mich zuletzt.

Dann bewegt er sich in meine Richtung. Er passiert das Proleten-Pärchen und steuert direkt auf mich zu. Na klasse! Gerade noch denkt man darüber nach, wie gefährlich Mitmenschen sein können und direkt erfährt man es am eigenen Leibe. Ist so etwas auch Situationskomik? In meinem Kopf sehe ich die rotunterstrichenen Schlagzeilen des übernächsten Tages: U-Bahn-Irrer prügelt jungen Mann bewusstlos. Ich male mir aus, wie er mir seine Bierflasche über den Schädel schlägt und seine Zigarette auf meinem Arm ausdrückt, wie er freundlich noch einmal seinen Fuß in meinen Bauch rammt und dann einfach weitergeht, als wäre nichts gewesen. Ob mir das Proleten-Pärchen helfen würde? Vermutlich würden sie einfach zuschauen.

Er steht jetzt fast direkt vor mir und schaut mich durch seine Sonnenbrille an. Ich kann seine Augen nicht sehen, das lässt mich noch nervöser werden. Schauen sie böse? Vielleicht hasserfüllt? Schauen sie überhaupt? Er schmeißt die Zigarette auf den Boden und löscht sie mit seinem Schuh, dann hebt er seine Hand und kommt auf zu. Während er geht, nimmt er die Sonnenbrille ab. Ohje, er will bestimmt, dass ich ihm in die Augen schaue, bevor er mich zu Brei schlägt.

Uns trennen nur noch wenige Meter, er bäumt sich auf und - lächelt! Dann kommt alles ganz anders als ausgemalt. Er schlägt mir nicht seine Bierflasche auf den Schädel, er fragt, ob ich mich auskenne und welche Bahn er nehmen müsse, um zum Deutzer Bahnhof zu kommen. Er kenne sich nicht aus, komme aus dem hohen Norden und sei zu Besuch bei Freunden. Achja: Sein Name sei Michael. Ich war so verwundert, dass ich gar nicht richtig antworten konnte.

Michael musste die selbe Bahn nehmen wie ich. Zusammen fuhren wir einige Stationen, ich stieg aus und erklärte ihm vorher noch, wann er aussteigen müsse. Als ich die Bahn verließ und nach Hause ging, war ich ganz durcheinander. Wieso habe ich solche Angst vor Menschen, wieso gehe ich davon aus, dass sie mir Böses wollen? Ist diese Angst jetzt unbegründet oder nicht? Ist Michael nur eine angenehme Ausnahme gewesen oder könnte es sein, dass der nächste Michael, der mir nachts in einer Kölner U-Bahn-Station begegnet, tatsächlich darauf aus ist, mich bewusstlos zu prügeln?

Ist der Mensch nun dem Menschen ein Wolf oder ist der Wolf dem Menschen ein Mensch? Ängste sind schon seltsam, findest du nicht?

Verwirrte Grüße,

Patrick


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