Die Sache mit den Schuhen
Christoph berichtet Matthias über seinen Schuhtick
Lieber Matthias,
die Qualität eines Stadtbummels – wie du ihn beschrieben hast – hängt
ja eigentlich immer stark davon ab, mit wem man da so bummelt. Mit
manchen Menschen kann ich stundenlang in ein und demselben Eiscafé
sitzen und über Gott und die Welt reden, mit anderen stolpere ich
lieber durch die Kaufhäuser, halte nach interessanten Büchern und
preiswerten DVDs Ausschau. Und was ich an einem Nachmittag in der Stadt auch toll finde, das sind
die ganzen Menschen, die man da beobachten kann. Eine junge Frau im
Business-Outfit eilt mit einem Pappbecher Kaffee die Treppe zur U-Bahn
hinunter. Zwei Jungs sitzen am Brunnen und zeigen sich gegenseitig ihre
neuesten Raffinessen mit ihren Skateboards. Der Dicke mit seinem Hund
bleibt vor dem Schaufenster des Waffengeschäftes stehen.Und dann kommt ER. Lässige Jeans, ein kräftig-blauer Pulli, kurzes dunkles Haar. Neben ihm seine Freundin – nein, nur seine beste Freundin. ER ist sicher schwul. Er grinst sie an, sie streckt ihm die Zunge raus. Ein Traumtyp. Tolle Augen, süßes Lächeln. Mein zweiter Blick widmet sich dann seinen Schuhen. Und hier muss es einfach mal gesagt werden: Ich habe einen Schuhtick.
Nein, das äußert sich nicht so, dass ich einen riesigen Schrank daheim
habe, der über und über mit Schuhwerk zugestopft ist. Ich habe alles in
allem vielleicht vier Paar Schuhe, von denen ich aber nur zwei wirklich
regelmäßig trage. Ganz normal, oder? Und der Tick ist auch kein
Fetisch. Ich will nicht, dass mein Sexpartner beim Lustakt die Schuhe
anlässt und ich lasse mir auch nicht via Internet getragene Sneakers
zuschicken. Nein-nein-nein. Ich achte eben bei einem Menschen, den ich
attraktiv finde, irgendwie auf die Schuhe. Ich weiß auch nicht genau
warum. Vielleicht sagt der Schuhgeschmack was über ihn aus. Hat er
grell-orangefarbene Schuhe an oder schlichte Lederschuhe? Sandalen,
Sportschuhe, Gummistiefel?
Wahrscheinlich
hat jeder von uns so gewisse unerklärbare
Besonderheiten. Der eine flechtet seinem Pudel gerne Schleifchen ins
Haar, ich achte eben auf die Schuhe der Menschen. Ist das jetzt eine
Psychose? Habe ich ein traumatisches Schuh-Erlebnis in meiner Kindheit
gehabt? Oder kommt es daher, dass ich als kleiner Junge immer Sandalen
tragen musste, damit die Füße nicht so schwitzen, obwohl ich diese
Dinger modisch für Teufelszeug hielt, und noch immer halte? Wie auch
immer, was auch immer: Dieser Schuhtick dominiert nicht mein
Leben. Irgendwo muss man ja hinschauen, wenn man gelangweilt in der
Straßenbahn steht oder gemütlich durch die Einkaufspassage schlendert.
Ich gucke halt ab und zu mal auf den Boden. Dann fällt man auch nicht so schnell auf die Nase.
Bleib’ bei deinen Leisten!



