Sören (16) erzählt:

Hilfe einer Freundin

Sören entdeckt seine Sexualität

Die Sonne ging langsam auf und ich stand auf dem Balkon. Es war Sommer und ich war jetzt seit sieben Monaten mit Annabell zusammen. Doch ich fühlte mich seit Anfang unserer Beziehung irgendwie nicht richtig wohl. Zwar war mir ihre Anwesenheit sehr angenehm und wir konnten über alles reden, aber etwas fehlte. Etwas, was ursprünglich für uns beide nicht wichtig gewesen war: körperliche Nähe. Sieben Monate ohne Küsse mit Zunge, ohne größere Zärtlichkeiten - und schon gar nicht Sexuelles.

So saß ich auf dem Balkon und spürte, wie mir die Tränen die Wangen runter liefen. Ich wusste, was mit mir los war und konnte es einfach nicht mehr verheimlichen. Ich war schwul. Oder bi? Oder war es nur eine Phase? Ich versuchte all das wieder zu verdrängen, da mir die Konsequenzen schon damals klar waren. Mein Vater hatte schon immer einen extremen Männlichkeitswahn an den Tag gelegt. Und mit meiner Mutter wollte ich nicht darüber reden.

Ich ging an diesem morgen viel zu früh zur Schule und wartete auf Annabell, um mit ihr Schluss zu machen. Doch etwas stimmte an dieser Szene nicht, keine Tränen, kein Erstaunen, nur ein Lächeln von ihr und die Bitte: Versprich mir, dass du immer du selbst bist und, egal was ist, mit mir darüber redest. Damals war mir noch nicht klar wie wichtig dieses Versprechen noch sein sollte.

Ab diesem Zeitpunkt begann ich mich zu verändern, in mir begannen sich Sehnsüchte und Wünsche zu regen, die ich nie gekannt hatte. Irgendwie wollte ich diesen nachkommen. Als die Sommerferien kamen, freute ich mich schon riesig, da ich ein Tenniscamp besuchen würde... weit weg von daheim. Und er würde auch dabei sein! Mein damaliger Schwarm Marc. Ich kannte ihn aus der Schule und er war alles, was ich begehrte. Er war groß, muskulös, braun gebrannt und zu allem noch nett.

Nachdem ich im Camp angekommen war, ging alles eigentlich ganz schnell. Ich gab mir die beste Mühe, mich ihm anzufreunden und schließlich saßen wir fast jeden Abend beieinander. Eines Abends allerdings war etwas anders, ich spürte ein unbekanntes Gefühl und er verhielt sich wirklich komisch. Ich sah ihn an diesem Abend an und er begann zu sprechen. Er erzählte mir, dass er nicht genug von mir bekommen könnte und dass er nicht mehr wüsste, wie er reagieren sollte. Noch heute weiß ich, wie er nervös auf den Boden sah und nicht mit mir Augenkontakt halten konnte.

Doch nach allen Komplimenten kam etwas, womit ich nicht gerechnet hätte. Er sagte mir, dass diese Gefühle falsch wären und unnatürlich. Ich erinnere mich noch, wie einen Moment die Zeit zu stehen schien und ich ihn nur groß ansah. Schon damals fragte ich mich, was an Liebe denn falsch sein könne. Doch ich kam nicht mehr dazu etwas zu sagen. Ich stand auf und ging auf mein Zimmer.

Noch als ich wieder zu Hause war, tat es weh. Auch die Menschen um mich herum bemerkten es, ich war nur noch still und reagierte auf jede Kleinigkeit aggressiv. Zwei Wochen ging das so, ich machte nichts mehr außer Rumsitzen und vor mich hin Starren. Doch dann kam die Einladung, die Einladung zu seinem Geburtstag. Ich machte mich fertig, versuchte so gut wie möglich auszusehen, und jeder auf der Party sagte mir, wie toll ich aussehen würde. Dann stand ich vor ihm, schon fast zärtlich gab ich ihm die Hand und gratulierte ihm.
 
Dieser Moment wird mich wohl ewig begleiten, als er damals ein Mädchen zu sich zog und sie vorstellte. Er stellte sie als seine Freundin vor. Ich rang mir ein gekünsteltes Lächeln ab, begrüßte sie und verließ den Geburtstag, da ich von allem tatsächlich Magenschmerzen hatte. Schlussendlich saß ich auf einer Parkbank und mir liefen die Tränen über die Wangen, als mich von hinten jemand umarmte und mir leise ins Ohr flüsterte: „Du hast was Besseres verdient als diesen Mistkerl“. Es war Annabell.
 
Sie setzte sich neben mich und ohne ein Wort zu sagen saßen wir noch eine Stunde da. Schließlich erzählte ich ihr von allem und sie lächelte und sagte in ruhigem Ton die Worte, die mir noch bis heute Kraft geben: Denk an unser Versprechen, wir können über alles reden und ich werde dir immer helfen.
 
Diese Begegnung gab mir die Kraft mich zu outen und zu mir selbst zu stehen. Mein Leben veränderte sich grundlegend und ich fand schließlich einen liebevollen Freund. Manchmal habe ich Marc danach noch getroffen, wieder Single und immer noch auf der Suche. Das alles hatte mir gezeigt, das es nichts Wichtigeres gibt, als zu sich selbst zu stehen.



Bilder: sxc.hu
Die hier dargestellten Fotos zeigen nicht den Einsender der Geschichte.

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