Daniel (16) erzählt:
"Ein komisches Gefühl"
Daniel verliebt sich während eines Englischseminars in Fabian
Ich war nie gut in Englisch und als ich die 8. Klasse besuchte, meldete mich meine Mutter bei einem Englischseminar an. Sie hoffte, dass mein Englisch dadurch besser würde. Mit englischen Muttersprachlern sollte ich also ein paar Tage gemeinsam am Bodensee verbringen, in einer christlichen Einrichtung. Die Freude hielt sich in Grenzen damals. Heute, ein paar Jahre später, bin ich meiner Mutter dankbar für diese Maßnahme.Bei meiner Anreise wurde ich einem Zehn-Bett-Zimmer zugeteilt. Eigentlich war ich ganz froh. Bei zehn Leuten wird schon jemand dabei sein, mit dem ich mich verstehe, dachte ich. Als ich auf das Zimmer kam, waren schon die meisten meiner Mitbewohner angekommen. Sie packten gerade ihre Sachen aus und als ich das Zimmer betrat, stürzten sie sich auf mich, um mich zu begrüßen. Wir waren alle etwa gleich alt und kamen aus ganz verschiedenen Gegenden.
Wir gingen in den großen Saal, wo wir verschiedenen Lerngruppen zugeteilt wurden. Jeder von uns musste vor dem Seminar einen Test machen. So konnten die Seminarleiter gute Lerngruppen bilden, in denen die Schüler etwa den gleichen Wissensstand hatten. Das ganze dauerte eine Weile und so hatten wir erst abends auf unserem Zimmer Zeit, uns besser kennen zu lernen. Es wurde spät.
So spät, dass ich am nächsten Morgen verschlief. Aber scheinbar war ich nicht der einzige. Auf dem oberen Bett in der Ecke gegenüber bewegte sich noch jemand. Das war Fabian, ich hatte mir seinen Namen gemerkt. "Fabian, du hast wohl auch verschlafen?" Er wollte nicht aufstehen, nur mit großer Anstrengung konnte ich ihn aus dem Bett holen. Wir gingen gemeinsam zum Speisesaal. Natürlich waren wir zu spät, als Strafe sollten wir gemeinsam die Tische abräumen, während die anderen schon in den Unterricht gingen. Wir hatten eine Menge Spaß bei unserer Strafarbeit.
Am dritten Abend kannten sich alle schon recht gut. Vor allem mit Fabian habe ich viel unternommen. Es gab einen Billardraum im Keller, wo wir uns regelmäßig die Zeit vertrieben. Ein wenig fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Ein komisches Gefühl war das. Fast wie bei dem letzten Mädchen, in das ich verliebt war. Nur, dass Fabian kein Mädchen ist, sondern ein Junge.
Als das Programm an diesem Tag zu Ende war, wollte ich duschen gehen. Es gab nur diese eine Dusche auf unserer Etage. Ich legte meine Sachen in den Vorraum und gerade, als ich die Türe öffnen wollte, hörte ich, dass jemand in der Kabine die Brause anmachte. "Oh sorry, brauchst du noch lange? Ich wollte auch noch schnell duschen", sagte ich. "Neenee, hier ist genug Platz für zwei, komm rein", kam als Antwort. Ich erschrak. Das war Fabian. Und er wollte, dass ich mit unter die Dusche kam?
Ich öffnete die Tür und sah ihn vor mir. Er war sehr trainiert und hatte gelogen: Es war nicht genug Platz unter dieser Dusche für zwei Personen. Ständig berührten wir uns unbeabsichtigt, weil es so eng war. Mir war das unangenehm, ich war verwirrt. Und ständig lief mir Wasser in die Augen, so dass ich sie einfach schloss. Dann spürte ich plötzlich etwas an meinem Ohr und Fabien flüsterte: "Brauchst dich nicht zu schämen, ist doch alles klar." Nichts war klar. Ich war total verwirrt, ich glaube, ich war einfach verliebt. Und dann küsste er mich, wie im Fernsehen, das Wasser lief und wir küssten uns ständig.
Es dauerte eine Weile, bis wir wieder aus der Dusche kamen. Die anderen im Zimmer schliefen bereits, also kroch Fabian mit in mein Bett. Aneinander gekuschelt schliefen wir ein.
Das war mein erster "schwuler Tag". Noch heute haben wir Kontakt zueinander, aber Fabian hat seit einiger Zeit eine Freundin. Er ist bi, steht aber eher auf Mädchen. Ich bin ihm dankbar, denn ohne ihn hätte ich wohl erst viel später gemerkt, dass Jungs viel toller sind als Mädchen.



